Es ist Monatsfeier. Schüler der sechsten Klasse zeigen Stabübungen. Kupferstäbe fliegen durch die Luft, im Saal halten Eltern den Atem an: Wenn ein Kupferstab fällt, verstärkt der Bühnenboden das Poltern und Scheppern. Spannung und Gelingen. Die meisten Übungen gelingen. Sie zeigen als Teil der Eurythmie eindrucksvoll, was diese Bewegungskunst den Schülern lehrt: Koordination, soziales Miteinander, Körper und Seelenkräfte im Raum vereinen. Eurythmie trägt in der Pädagogik dazu bei, Menschen vom Kindergarten an beweglich und achtsam aufwachsen zu lassen. In der Heileurythmie werden eurythmische Bewegungen bis in medizinische Wirksamkeit verstärkt.

Rudolf Steiner hebt im volkspädagogischen Kurs hervor, dass die Eurythmie „einen solchen Willen erzeugen kann, der einem dann durch das Leben bleibt, während die andere Willenskultur die Eigentümlichkeit hat, dass sie im Laufe des Lebens wiederum abgeschwächt wird.“*

Eurythmie als Schulfach

Dennoch ist Eurythmie gerade den Schülern der Mittelstufe häufig verhasst. Dieses Fach gibt es an anderen Schulen nicht. Warum sollte man etwas lernen, was es woanders nicht gibt? Außerdem sind Bedeutung und Inhalt schwer zu erklären und man könnte von Nicht-Waldorfschülern ausgelacht werden. Was ist Eurythmie also?

Beginnend mit einfachen Rhythmen und Stabübungen orientiert sich die Eurythmie in den ersten Schuljahren am Spiel der kleinen Kinder. Jubel, Trauer, Spannung und Kraft, - alles offenbaren die jüngeren Schulkinder in ihren Bewegungen: Sie schlüpfen in Gestalten, in Tiere, in Wind, Welle, Luft und Licht und sprechen sich darin aus. Die Sprache erfüllt sich in ihren Gebärden. Ein ausgleichender Atem entsteht, wenn das Kind sich in seinen Bewegungen mit den Dingen der Welt verbindet.

Eine natürliche Scheu hält die Schüler in der Pubertät davor zurück, sich in Bewegungen auszuleben, die so unmittelbar das Seelische ausdrücken. Dennoch: Ab der Mittelstufe bewegen die Schüler im Eurythmieunterricht Fragen wie: Wie stehe ich da? Wie bewege ich mich? Was drücke ich darin aus? Wie nehme ich den anderen dabei wahr? Was bewege ich - in der Welt?

Aus erwachten Bewusstseinskräften finden die Schüler in der Oberstufe Möglichkeiten der selbstständigen, künstlerischen Gestaltung. Klassische und zeitgenössische Werke der Sprache und Musik werden erarbeitet und in Bewegung umgesetzt. Hier schließt die Eurythmie eine Lücke, wenn die bildenden und darstellenden Künste mit Theater, Chor und Orchester unterrichtet werden, aber nicht die Bewegungskunst.

Über allem stehen die große Lebensfreude und der Tatendrang der Kindheit und Jugend

Ebenso bedeutsam wie die Sprache bewegt die Musik die Gestalt mit Rhythmen, Melodien und Harmonien. Spannungen lösen sich in Übergänge auf, Streckung und Exaktheit geben Stärke und Sicherheit, Zusammenklänge vieler Stimmen lassen harmonisches Miteinander erleben.
Der Mensch, das Menschliche steht hierbei immer im Mittelpunkt.

Eurythmie als Bühnenkunst

Durch Umgestaltung des sonst nur Hörbaren in die Welt der Sichtbarkeit, des sonst nur im zeitlichen Ablauf Erlebbaren in die Welt der Räumlichkeit, entsteht die Eurythmie. In ihr wird der sich bewegende Mensch zum Instrument, das die verborgenen Qualitäten von Sprache und Musik zur Offenbarung bringen kann.

Eurythmie ist auf der Bühne so lebendig wie die Künstler, die sie ausüben. Eine eurythmische Bühnendarstellung verwandelt die sonst nur hörbare Sprache und Musik in sichtbar bewegte Bilder.

Eurythmie erleben

Im Jahresrhythmus bieten die bayerischen Waldorfeinrichtungen eine Vielzahl von Möglichkeiten, Eurythmie hautnah zu erleben:

  • Auf den Monatsfeiern der einzelnen Schulen zeigen Schüler aller Altersstufen häufig Eurythmiestücke.
  • Der Eurythmieabschluss der 12. Klasse gehört zum festen Ablauf und findet seinen Höhepunkt in einer Bühnenpräsentation.
  • Eurythmie als Bühnenkunst, auch als Umrahmung von Vorträgen und Veranstaltungen an den jeweiligen Einrichtungen (siehe Terminkalender)
  • Extratipp: Das Eurythmiefestival an der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning mit dem Thema: „Die Kunst der Eurythmie und die schöpferische Kraft der Bilder“ (24. bis 27. Mai 2017). Aufführungen, Workshops und Kurse zeigen die ganze Bandbreite der verschiedenen Anwendungen dieser Kunst.

Mehr Informationen: www.waldorfschule.de, oder hier: Berufsverband der Eurythmisten

Eurythmie als Beruf: LEBEN TANZEN | Eurythmie lehren

Oder noch ein Video:

*Eurythmie entstand am Anfang des 20. Jh. auf der Suche nach einer Bewegungskunst, die den ganzen Menschen mit Körper, Seele und Geist einbezieht. Rudolf Steiner schuf die Grundlagen zwischen 1912 und 1925. Ohne den Hintergrund der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis wäre die Eurythmie nicht entstanden.

schuleimwandel

 

"Und kurioserweise ist es so, dass wir durch die Art, uns zum Kind zu stellen, in uns die Liebe zum Kind entwickeln, dass wir es dahin bringen, es mit immer größerer Liebe zu erfassen. Und wir erwerben uns gerade dadurch eine mächtige Hilfskraft, das Kind liebend zu unterrichten und zu erziehen."

Rudolf Steiner

 

Waldorfschule 100 Jahre 2019