Wirtschaft anders denken 1

 

“Jeder ist ein Teil der Wirtschaft”

Was bedeutet TTIP, welche Auswirkungen haben Freihandelsabkommen auf unsere Wirtschaft und lassen sich Geld, Recht und Demokratie überhaupt miteinander verbinden? Mit diesen und vielen weiteren Fragen rund um das Motto „Wirtschaft und/oder Freiheit“ beschäftigten sich rund 300 Oberstufenschüler der Waldorfschulen im Münchner Umland auf dem Schülerkongress „Wirtschaft anders denken“, der am 8. und 9. Oktober an der Rudolf-Steiner-Schule in Gröbenzell stattgefunden hat. Auf Wunsch der Schüler wurden auch Fragen der aktuellen Flüchtlingsbewegung behandelt und diskutiert.

„Wirtschaft darf kein Selbstzweck sein, sondern ein Lebens-Mittel. Doch im kapitalistischen System steht nicht der Mensch im Mittelpunkt sondern die Profitmaximierung. Der Mensch wird zu einem Instrument degradiert und damit in dem bedroht, was sein Menschsein ausmacht: seiner Freiheit“, so die These von Dr. Boniface Mabanza, Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) im Rahmen seiner Themenwerkstatt auf dem Schülerkongress „Wirtschaft anders denken“. Mit dieser Aussage tauchte Mabanza gleich tief in das diesjährige Motto des Kongresses ein. „Wirtschaft und/oder Freiheit“ hatten die Lehrer und Oberstufenschüler der Rudolf-Steiner-Schule Gröbenzell als Titel gewählt, um sich in zahlreichen Themenwerkstätten, World-Cafés und Vorträgen über ökologische, politische und soziale Fragen zu informieren und auszutauschen. Der Kongress, der vor einigen Jahren von der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning ins Leben gerufen wurde, findet seitdem jährlich alternierend an den Waldorfschulen in München und Umgebung statt. In diesem Jahr war die Waldorfschule Gröbenzell Ausrichter der Veranstaltung, zu der rund 300 Oberstufenschüler der Klassen 11 und 12 gekommen waren.

Zwei Tage lang beschäftigten sich die Teilnehmer mit spannenden Fragen und erhielten Antworten von so erfahrenen Referenten wie beispielsweise Prof. Dr. Christian Kreiß, Gerald Häfner, Peter Daniell Porsche oder dem ersten Bürgermeister von Gröbenzell, Martin Schäfer. Dabei war das Themenfeld der 17 Werkstätten weit gespannt. Neben aktuellen Wirtschaftsthemen wie dem Transatlantischen Freihandels- und Investitionsabkommen TTIP, der Bedeutung und Macht des Geldes oder den Sinn und die Auswirkungen der Rettungspakete boten die Referenten auch wertvolle Informationen und Tipps aus der Praxis. So gab Martin Schäfer, der für seinen Workshop den Titel „Zwischen Businessplan und Blauäugigkeit“ gewählt hatte, den Schülern Einblicke in seinen vielschichtigen Werdegang und ermutigte sie, nie den Mut zu verlieren. „Wichtig ist, das zu machen was man wirklich will“, empfahl Martin Schäfer seinen Zuhörern. Dass es aber auch eine Weile dauern kann, bis man weiß was man will, darüber wusste David Baumgartner, ehemaliger Abiturien der Rudolf-Steiner-Schule Gröbenzell und Gründer der Gastronomiekette „dean & david“ in seiner Themenwerkstatt zu berichten. “Zu Beginn meines Studiums hatte ich keine Vorstellung davon, welchen Beruf ich einmal ergreifen wollte. Sicher war nur, dass ich selbstständig sein wollte”, erzählte Baumgartner und zeigte den Schülern auf, wie aus einer Idee ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen werden kann. Einer, der bereits ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen im Rücken hatte, und trotzdem einen anderen Weg gegangen ist, ist Daniell Porsche, Urenkel des Käfer-Erfinders Ferry Porsche. In seiner Themenwerkstätte schilderte Porsche sehr offen und persönlich seine Erfahrungen als Mitglied einer großen Unternehmerfamilie, stellte einige seiner zahlreichen sozialen Projekte vor und erläuterte sein Bestreben, Verantwortung für das Geld seiner Familie zu übernehmen und damit einen Beitrag zu einer menschlicheren Wirtschaft zu leisten.

Menschlichkeit und Wirtschaft – dies war das Stichwort für die Themenwerkstätten zu den aktuellen Flüchtlingsbewegungen, die auf Schülerwunsch initiiert worden waren. „Kein Mensch flieht freiwillig” erklärten Uche Akpulu und Corinna Kostka vom Bayerischen Flüchtlingsrat und gaben Antworten auf die Fragen, warum Menschen aus ihrem Heimatland fliehen, welche politischen, ökonomischen und ökologischen Begebenheiten sie zu einem solch gravierenden Schritt drängen und wo die Betroffenen Zuflucht finden. Ebenfalls mit dem Thema „Flüchtlinge“ beschäftigten sich die Workshops der Politikwissenschaftlerin Nilufar Kaviani und von Nicolas Grießmeier, Dozent für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule München sowie zwei Referentinnen der IHK Schwaben. Jeweils im Schluss an die Themenwerkstätten fanden World-Cafés statt, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen über die Inhalte und die eigenen Erkenntnisse der Themenwerkstätten austauschen konnten.

Das Tagungsprogramm für die Schüler wurde ergänzt von zwei Vorträgen zu den Themenschwerpunkten Wirtschaft“ und „Freiheit.“ „Jeder ist ein Teil der Wirtschaft“, erklärte der Publizist Gerald Häfner und forderte das jugendliche Publikum auf, sich aktiv am Wirtschaftsleben zu beteiligen, Verantwortung für dass eigene Tun zu übernehmen und sich angesichts der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen nicht „wie das Kaninchen vor der Schlange zu verhalten.“ Man könne immer etwas verändern, wenn man bei sich beginne, so Häfner. In seinem Vortrag „Geld regiert die Welt – doch wer regiert das Geld?“ wies das ehemalige Mitglied des deutschen Bundestags und des Europäischen Parlaments darauf hin, dass seiner Meinung nach die Finanzkrise mit den bisherigen Rettungsmaßnahmen nicht zu lösen sei, sondern, dass im Gegenteil die immer neuen, milliardenschweren Rettungspakete die Kosten von der Gegenwart in die Zukunft und von den Spekulanten auf die Schultern der Bürger verlagert würden. „Hinter den aktuellen Problemen steckt die Frage nach unserem Geld- und Wirtschaftssystem und erst wenn wir diese entscheidenden Fragen ernsthaft angehen und den Mut zu tiefgreifenden Änderungen unserer Geld- und Rechtsordnungen haben, gibt es eine Chance zum Ausweg aus dem Teufelskreis und zur Gestaltung einer wirklich menschlichen, freien, demokratischen und solidarischen Gesellschaft“, so Häfner.

Mit seinem Vortrag „Mythos Invasion? Migration als Recht auf Bewegungsfreiheit“ griff Dr. Boniface Mabanza, den zweiten Schwerpunkt „Freiheit“ des Schülerkongresses auf. Der Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg, nannte die Migrationsdebatten in Deutschland und Europa trügerisch. „Sie suggerieren, dass Europa vor einer Invasion stünde und rechtfertigen somit die Abschottungspolitik“, so Mabanza. Dies stimme nicht, denn Migration als Phänomen verlaufe überwiegend regional und die Hauptlast würden immer die Nachbarn der von Krisen betroffenen Länder tragen. Auch über Fluchtursachen sei damit noch nichts gesagt, denn daraus erwachse Verantwortung, so Mabanza. „Darüber hinaus ist Migration als ein Phänomen, das es in der Geschichte der Menschheit immer schon gab und immer geben wird, zu kurz gegriffen, wenn sie nicht in Verbindung mit der „Freiheit“ begriffen wird, die in der Globalisierung so hoch gehalten wird, dass alles ihr unterliegen muss.“

Einen beschwingten Abschluss nahm der zweitägige Kongress mit mitreißenden rhythmischen Trommelklängen der afrikanischen Gruppe „book guis guis“, die auf Vermittlung der Organisation „PRO ASYL“ ihren Weg nach Gröbenzell gefunden hatte.

 

Text: Hildegard Wänger. Foto: Beatrice Vohler. (Gröbenzell)

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"Und kurioserweise ist es so, dass wir durch die Art, uns zum Kind zu stellen, in uns die Liebe zum Kind entwickeln, dass wir es dahin bringen, es mit immer größerer Liebe zu erfassen. Und wir erwerben uns gerade dadurch eine mächtige Hilfskraft, das Kind liebend zu unterrichten und zu erziehen."

Rudolf Steiner

 

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